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Wie weit reicht unsere Verantwortung? Verant­wortungs­bewusstsein

Mit dem schönen Wort Verantwortungsbewusstsein bezeich­nen wir die Fähigkeit einer Person, mit seiner Verantwortung bewusst umzugehen. Je besser jemand die Folgen seiner Ent­scheidungen - bewusst oder unbewusst - im voraus in Betracht zieht und ent­sprechend handelt, desto verantwortungs­bewusster ist diese Per­son.

Wie bereits im vorhergehenden Abschnitt erwähnt, löst eine Ent­scheidung von uns oft weitere Ereignisse aus. Ein weiteres Beispiel aus der (Familien-) Praxis: Die Katze jagt einen Vogel, die Besitzerin gibt ihr als Strafe nichts zu fressen, die Katze stiehlt darauf hin das zum Mittagessen bereit liegende Fleisch vom Tisch und wirft dabei auch noch die Schüssel mit den Teigwaren um, die Familie reagiert gereizt, die Kinder begin­nen zu streiten, usw.

Bedingt durch die grosse Vernetzung auf der Erde ziehen unsere Entscheidungen oftmals viele zusätzliche Folgen nach sich, welche wir möglicherweise selbst nicht einmal bemerken oder zumindest nicht angestrebt haben. Die unmittelbare Folge haben wir vermutlich mit unserer Entscheidung angestrebt, andernfalls hätten wir ja blind entschieden, d.h. wir hätten eine Entscheidung getroffen ohne zu wissen was wir mit dieser Entscheidung errei­chen wollen.

Im obigen Beispiel mit der Katze hat die Besitzerin der Katze als Strafe kein Futter gegeben. Als unmittelbare Folge davon litt die Katze unter Hunger. Dies war der Frau mit Sicherheit klar, als sie entschieden hatte, die Katze auf diese Art und Weise zu bestrafen. Dass die Katze danach als weitere Folge das Mittagessen der Familie «abräumen» würde (erste indi­rekte Folge), war aber ver­mutlich nicht so leicht vorhersehbar und schon gar nicht die weitere indirekte Folge, dass die Fami­lie darauf gereizt reagierte (ausser dieser gesamte Ablauf würde sich schon zum x-ten Male wiederholen...). Als indirekte Folgen bezeichnen wir jeweils die Folgen der unmittelbaren Folgen.

Ein weiteres Beispiel: Ein Schüler stöhnt über seine Hausauf­gaben, er sollte einen Aufsatz schreiben und kommt einfach nicht voran. Die Mutter findet, eine Pause würde ihm gut tun und schickt ihn in den Dorfladen um ein paar Dinge einzu­kaufen. Dort trifft er zufällig seinen Schulschatz und plaudert mit ihr ein paar Minuten. Glücklich kommt er wieder nach Hause und schreibt in kürzester Zeit seinen Aufsatz fertig.

Wer ist verantwortlich dafür, dass er den Aufsatz nun so rasch zu Ende schreiben konnte? Die Mutter, der Schüler, der Schul­schatz oder alle drei zusammen? Oder nur die Mutter und der Schüler? Oder...?

Ein weiteres Beispiel: Jemand wirft mit der Hand einen Ball an eine Wand. Von dieser Wand prallt der Ball ab und trifft eine andere Person. Die direkte Folge dieser Tätigkeit ist das Abprallen des Balls von der Wand. Als indirekte Folge wird eine andere Person getroffen. Alle weiteren Berührungen bis zum Stillstand des geworfenen Balles gelten ebenfalls als indi­rekte Folgen.

Wer schon einmal mit einem Ball gespielt hat, wird davon aus­gehen, dass ein an die Wand geschleuderter Ball von dort wieder zurückprallen wird. Diese direkte Folge kann deshalb mit gutem Recht als unmittelbar vorhersehbar bezeichnet werden.

Wesentlich schwieriger zu beantworten ist jedoch die Frage, ob auch die erste indirekte Folge, das Treffen der anderen Person durch den abgeprallten Ball vorhersehbar gewesen ist. Dazu braucht man zusätzliche Informationen: War diese andere Person schon vorher da? Wie gut sind die Fähigkeiten der betrachteten Person im Ballwerfen? Hat sich diese Person vor dem Werfen ver­gewissert, ob sie niemanden gefährdet? Wo ist dies passiert (in einer Turnhalle oder auf der Strasse) usw. Je nach dem, ob es sich bei der Person, welche den Ball geworfen hat, um einen professionellen Handballspieler oder um ein 10-jähriges Kind han­delt, wird die Antwort auf die Frage nach der Vorhersehbarkeit der indirekten Folgen anders lauten.

Mit anderen Worten: Im täglichen Leben steigen unsere Anfor­derungen an das Vorhersehen und Abschätzen-Können der Fol­gen einer Tätigkeit mit der Versiertheit dieser Person in der betreffenden Tätigkeit und mit ihrer Zurechnungsfähigkeit (zum Beispiel bedingt durch Alter, Erfahrungen, geistige Fähigkeiten und Ausbildung). Zur exakten Abklärung der Verantwortung in den vorher erwähnten Beispielen wären deshalb viele zusätzliche Informationen notwendig. Es ging ja letztendlich auch nur darum aufzuzeigen, dass die Verant­wortung bei Entscheidungen vor allem von der Person abhängt, welche die Entscheidung trifft.

Wir haben im Kapitel über die Entwicklung der Menschen gese­hen, dass parallel mit der steigenden Virtuosität in einer Tätigkeit jeweils auch die Fähigkeit zum Wahrnehmen von externen Ein­flüssen und Informationen bezüglich dieser Tätig­keit zunimmt. Wir haben als konkrete Beispiele einen Berufs­chauffeur mit einem normalen Autofahrer, einen Bergführer mit einem Gelegenheits­bergsteiger und einen Berufsmusiker (Künstler) mit einem durch­schnittlichen Musikspieler vergli­chen. Dabei erkannten wir: Wer eine Tätigkeit wirklich virtuos ausführt, nimmt mit seinen Sinnen automatisch Zusätzliches wahr und kann je nach Art der Tätigkeit auch zusätzliche Informationen «unbewusst» aussenden. Zu diesem «Zusätz­lichen» gehört auch die Fähigkeit für das Ab­schätzen der Folgen der ausgeübten Tätigkeit. Es ist mit dieser Sichtweise einleuchtend, dass wir von einem Virtuosen in seiner Tätigkeit eine grössere Voraussicht erwarten können als von einem Anfänger oder Fortgeschrittenen in der gleichen Tätigkeit.

Das genau gleiche gilt für die Tätigkeit «die Grundrechte des Seins leben». Je besser dies eine Person bereits kann, desto mehr Voraussicht können wir von ihr erwarten für das Abschätzen der Folgen ihrer Entscheidungen.

Wir haben bereits früher das Bewusstsein definiert als die Summe aller Fähigkeiten um die Grundrechte des Seins in jeder Situation zu respektieren. Je grösser das Bewusstsein einer Person ist, desto besser kann sie zusätzliche Informationen - bewusst oder unbewusst - in ihre Entscheidungen einfliessen lassen. Je grösser das Bewusstsein einer Person ist, desto verantwortungsvoller kann sie demzufolge handeln.

Wir haben das Bewusstsein einer Person modellhaft als eine Kugel aus weissem Licht um die betroffene Person dargestellt. Für alles, was sich innerhalb dieser Bewusstseins-Kugel ab­spielt, stehen der Person die Fähigkeiten und entsprechenden Sinne zur Verfügung, um Entscheidungen im vollen Einklang mit den Grund­rechten des Seins vornehmen zu können. Inner­halb der Kugel ist das Licht genügend hell, um die ent­sprechenden Folgen wahr­nehmen zu können.

Für das, was sich ausserhalb der Bewusstseins-Kugel abspielt, befinden sich die Fähigkeiten und Sinne zur Wahrnehmung erst im Aufbau. Wir können uns vorstellen, dass unser Licht ausserhalb der Kugel (noch) zu wenig stark zu leuchten ver­mag. Deshalb können wir die Folgen ausserhalb unserer Bewusstseins-Kugel nicht oder nur teilweise wahrnehmen.

Bewusstseinskugel
Abbildung 7: Bewusstseinskugel

Wir sind deshalb für alle Folgen unserer Entscheidungen ver­ant­wortlich, bei denen wir auch die dazu notwendigen Infor­mationen wahrnehmen können - dies ist der Fall für alles, was sich inner­halb unserer Bewusstseins-Kugel befindet.

Gemäss der früheren Diskussion über den Begriff «Verant­wortung tragen» werden demzufolge alle unsere Entschei­dungen geprüft, ob deren Folgen innerhalb der Bewussteins­kugel die Grundrechte des Seins respektieren oder verletzen. Wurde es respektiert, so trägt diese Entscheidung zum Bau unserer Pyramide der persön­lichen Entwicklung bei, wir nähern uns unserem grossen Ziel. Wurden die Grundrechte des Seins verletzt, so werden neue Lern­schritte vorgemerkt, um das Verpasste nachzuholen.

Die Fähigkeit zum Abwägen möglicher Folgen von Entschei­dungen haben wir als Verantwortungsbewusstsein einer Per­son bezeichnet. Ein hohes Verantwortungsbewusstsein bedingt die Fähigkeit, viele Folgen der persönlichen Entscheidungen im voraus abwägen zu können. Bei komplexen Situationen ist dies letztendlich nur noch auf intuitivem Wege möglich. Ohne die nega­tiven oder positiven Folgen der Entscheidung mit unserem Intellekt analysieren zu können, spüren wir trotzdem, welche Entscheidung richtig ist. Ein zusätzlicher Sinn, wie zum Bei­spiel unsere innere Stimme, kann uns führen.
Wie wir bereits im vorhergehenden Kapitel diskutiert haben, steigen die dazu notwendigen intuitiven Fähigkeiten mit zuneh­mendem Bewusstsein. Ein hohes Verantwortungs­bewusstsein setzt demzufolge ein hohes Bewusstsein voraus. Das Wort «Ver­antwortungsbewusstsein» als Kombination von Verantwortung und Bewusstsein veranschaulicht dies auf eindrückliche Art und Weise.