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Objektivität und Subjektivität

Wenden wir uns zunächst einmal der Frage der Objektivität zu: Wie objektiv ist unsere Wahrnehmung eigentlich? Eine Aus­sage ist objektiv, wenn sie neutral ist, unbeeinflusst von Vor­urteilen, Gefühlen und Interessen. Eine objektive Aussage ist demzufolge unabhängig von der Person welche diese Aussage macht. Die objektive Aussage entspricht den Tatsachen. Wir neigen oft dazu, unsere eigene Wahrnehmung von Dingen oder Ereignissen als objektiv richtig zu betrachten. Was andere von denselben Ereig­nissen oder Dingen denken, stufen wir häufig als unrichtig oder subjektiv ein.

Ein gutes Beispiel ist das Wetter: 2 Wochen lang Sonnenschein, hohe Temperaturen und keine Niederschläge gelten für viele von uns als wünschenswert und gut. Der Bauer möchte aber dazwi­schen Niederschläge, weil ihm sonst der Acker austrock­net, ältere Menschen möchten weniger hohe Lufttemperaturen, weil ihnen das Atmen schwer fällt usw. Wer ist hier objektiv? Offensichtlich hängt unsere Beurteilung des Wetters u.a. stark von dem, was wir tun wollen (baden, arbeiten auf dem Feld, arbeiten im Büro, reisen, ausruhen usw.), von unserer Stim­mung und von unserer gesund­heitlichen Verfassung ab. Genau dasselbe Wetter an einem bestimmten Tag bereitet den einen Menschen grosse Freude und den anderen Verdruss. Doch selbst bei uns selbst hängt die Beurteilung stark von unserem Vorhaben ab: Wenn wir im Büro arbeiten, stören uns 3 Tage Regen hintereinander in der Regel nicht allzu sehr. Falls wir uns in den Badeferien befinden, wün­schen wir uns aber anderes Wetter!

Wir beeinflussen unsere Wahrnehmung weitgehend selbst, ob wir das Wetter «gut» oder «schlecht» finden. Niemand zwingt uns zum Beispiel dazu, heisses Sommerwetter als «schlecht» zu empfinden. Wir können frei wählen, ob dies in unseren Augen gut oder schlecht ist. Jeder von uns hat gewisse individuelle Ansprü­che an das Wetter des heutigen oder morgigen Tages. Je nach dem, wie das Wetter wirklich ist, werden wir damit mehr oder weniger zufrieden sein.
Stellen Sie sich einmal vor, wie viel Streit ausgelöst würde, wenn der Mensch das Wetter bewusst steuern könnte! Ver­mutlich wer­den Sie zustimmen, dass es bei der Beurteilung des Wetters keine Objektivität gibt. Jede Meinung ist richtig, jede Meinung ist aber auch subjektiv.

Wir wollen die Frage der Objektivität unserer Wahrnehmung noch an einem weiteren Beispiel untersuchen: Betrachten wir einmal die persönlichen Beziehungen zwischen Menschen und dabei ins­besondere die Beziehung zwischen Mann und Frau. Die meisten von uns haben wohl schon mehrfach das Ende einer Liebe erlebt: Falls nicht Sie selbst, sondern Ihr Partner die Beziehung beendete, haben Sie dieses Ende der Beziehung damals mit hoher Wahr­scheinlichkeit als gemein, ungerecht und falsch empfunden. Wochen, Monate oder zumindest Jahre danach empfindet man das Ende jener Beziehung in der Regel als gut. Man freut sich vermutlich darüber, weil dadurch ganz Anderes möglich geworden ist.

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Das Ereignis ist immer noch dasselbe: Unser damaliger Partner hat uns verlassen. Wenn wir dies heute nicht mehr als gemein und ungerecht, sondern sogar als sinnvoll und gut beurteilen, müssen wir uns selbst demzufolge verändert haben. Unsere Wahrnehmung desselben Ereignisses widerspiegelt diese Veränderung. Ana­log wie beim Beispiel des Wetters ist unsere Wahrnehmung auch in Bezug auf persönliche Beziehungen subjektiv.

Im Zuge unserer persönlichen Entwicklung verändert sich unsere Wahrnehmung. Allerdings kann uns niemand dazu zwingen, uns weiter zu entwickeln. Wenn wir also unser ganzes Leben lang trau­rig sein wollen wegen dem Ende einer Beziehung, können wir dies tun. Die Entscheidung liegt nur bei uns persönlich und nicht etwa bei unserer Umgebung oder beim ehemaligen Partner!

Wir könnten hier noch seitenweise Beispiele aufzählen von Situa­tionen und Ereignissen, welche wir nur subjektiv wahr­nehmen. Es stellt sich deshalb umgekehrt die Frage, ob wir Menschen Dinge oder Ereignisse überhaupt objektiv wahr­nehmen können.

Am ehesten denkt man dabei wohl an die Wissenschaft und/oder Technik. Dort können wir uns jeweils ein Teilsystem definieren und die in diesem Teilsystem gültigen Gesetze nach unserem aktuellen Wissen festlegen. Innerhalb diesem Teil­system und unter den definierten Voraussetzungen können dann «objektive» Messungen und Betrachtungen gemacht werden. Sobald das Teilsystem ver­lassen wird, verlieren sie aber ihre Objektivität, weil dort die Voraussetzungen nicht mehr zwingend gelten. Erst wenn wir alles auf der Erde und im Kosmos kennen und verstehen, sind objektiv richtige Betrachtungen theoretisch möglich. Davon sind wir aber noch weit entfernt...

  • Vor der Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist, wurde sie als Scheibe angenommen. Alle Navigationsberechnungen für Schiffe beruhten zum Beispiel auf dieser Annahme. Wehe dem, der diese Annahme missachtete.
  • Vor der Entdeckung der Relativitätstheorie wurden die entspre­chenden Berechnungen ohne Anwendung dieser Theorie durchgeführt. Es gab sehr viele Hinweise dafür, dass die vor­handene Theorie richtig und vollständig war. Niemand sagte: «Halt, da fehlt noch die Relativitätstheorie».
  • Das Modell über den Aufbau und die Eigenschaften eines Atoms hat sich in den letzten 50 Jahren drastisch verändert. Mehrmals war man der Auffassung, man wisse nun «alles» über den Aufbau und die Eigenschaften der Atome.

Mit diesen 3 Beispielen soll illustriert werden, dass sich unser Wissen ständig erweitert. Das, was heute in Wissenschaft und Technik als gut und richtig erkannt ist, kann sich in Zukunft auf­grund von neuen Erkenntnissen als unrichtig oder unvoll­ständig erweisen. Aus dem Blickwinkel des gesamten «Systems Erde» betrachtet, ist deshalb auch die Wahrnehmung im Rah­men unse­rer Wissenschaft und Technik subjektiv.

Ohne die obigen Beispiele und Erläuterungen als Beweis inter­pretiert haben zu wollen, wagen wir deshalb die Aussage, dass unsere Wahrnehmung von allem um uns herum rein subjektiv ist.